Brasilien verstehen: (per Mail 11.05.2010)
Die schönsten Frauen der Welt
Als wäre es nicht ohnehin schon paradiesisch, in Brasilien auf Schritt
und Tritt den bezauberndsten Geschöpfen dieser Erde zu begegnen, müssen sie
auch noch Miss-Wahlen abhalten. So beim TV-Sender Bandeirantes, letzten
Samstag-Abend. Was heisst Abend? In einer heissen Nacht, in der einem nicht nur
die Augen übergehen, sondern man(n) auch arg ins Schwitzen kommt. Allein beim Anblick
jener Grazien, die selbst einen Paris
um den Verstand gebracht hätten!
Denn angetreten zur Wahl Miss Brasil 2010 waren die Auserwählten
eines jeden brasilianischen Bundesstaates, also 26 plus Distrito Federal. Junge
Mädchen zwischen 18 und 24 Jahren, von denen jede einen Staat vertrat, der von
seiner Grösse her in etwa einem europäischen
Land entspricht. Bei
knapp 200 Millionen Einwohnern und einer Schönheits-Kapazität, die weltweit an
der Spitze der menschlichen Spezie rangiert, kommt dieses Unterfangen einer
Prämierung der Quadratur des Kreises, also der Unmöglichkeit gleich. Wer
entscheidet über die Krone der Schöpfung? Welche Kriterien legt man da
zugrunde?
Miss-Wahlen unterliegen alle den gleichen Gesetzen: die Kandidatinnen
müssen gross und schlank sein, perfekte Proportionen aufweisen, über eine
prächtige Mähne, perlende Zähne, strahlende Augen verfügen. Geschenkt. In
Brasilien alles selbstverständlich. Sie sollten sich grazienhaft und dabei
sicher bewegen, ständig lächeln und 24 Stunden lang gut drauf sein. Ein
bisschen Spass am Schauspielern haben, ausgelassen tanzen, verführerisch posieren
können,… klar, dass auch diese Eigenschaften einer Brasilianerin bereits in die
Wiege gelegt wurden.
Grundvoraussetzungen, wie gesagt. Doch nun kommt ein Faktor hinzu, der
die Spreu vom Weizen trennt, der die wirklich Strahlenden, diese umwerfenden
Lichtgestalten über alles hinweg hebt, was sich ansonsten unter stereotypen Schönheitsidealen
– die zugegebenermassen auch hier vorhanden sind – präsentiert. Das ist der
einzigartige Charme der Brasilianerin. Jene offene Herzlichkeit, überspringende
Wärme, kindliche Freude an Glitzer und Glamour, an Music & Show, an persönlicher
Präsentation, als wäre es das Natürlichste von der Welt. Eine wahrlich
göttliche Mischung all jener Qualitäten, die zum Superlativ einer prächtigen
jungen Frau führen. Man kann es mit Grazie beschreiben, mit Anmut, fern aller
Absicht und Berechnung, obwohl doch alle ein einziges Ziel vor Augen haben:
hier zu gewinnen.
Dass sie allesamt, ob nun Miss Sergipe oder Miss
Amazonas, Miss Rio Grande do Sul,
Miss
Pernambuco oder Miss Paraíba, bereits gewonnen
haben, macht die Sache etwas leichter, will heissen, lässt auch all jene nicht
in tiefe Trauer versinken, die es diesmal nicht zu höchsten Weihen schaffen.
Schliesslich kann nur eine die Krone des Landes erhalten. Aber das scheint
ihrer grenzenlosen Freude als Teilnehmerinnen dieses Events keinerlei Abbruch
zu tun.
Denn wir sehen sie allesamt lustig in der alten Strassenbahn von Teresina
Richtung Zuckerhut zockeln, auf ihrem Weg zum berühmten Strand der Copacabana heftigste
Verkehrsstockungen auslösen sowie in angesagten Bars bunte Cocktails schlürfen.
Und vor allem schicke Tüten mit den Labeln berühmter Namen tragen. Ausserdem verwenden
sie pausenlos Produkte, bei deren Anwendungen eine jede Brasilianerin zur
Schönheitskönigin mutiert. Vergessen wir nicht, dass diese Miss-Wahlen von den
Marken-Multis dieser Welt veranstaltet werden. Die ihre Millionen von eben
diesen Kundinnen erhalten, die sie hier und heute ansprechen.
L´Oreal ist ebenso verteten wie Ponds, Gucci oder Hennesy. Allein die
Präsente jener globalen Marken – und nicht nur der ausgelobte Hauptpreis eines
Automobils - sind alle Anstrengungen wert. Denn dass so eine Miss-Wahl kein Maien-Spaziergang
ist, zeigen die ständigen, mit ihrem banalen Inhalt entnervenden Interviews, die
Geduld strapazierende, nicht enden wollende Coiffeur-Sitzungen, allgegenwärtige
Schminkschulen, an Akrobatik erinnernde Lauf-Kurse, ätzend sich wiederholende Anproben
und vieles mehr.
Dass sich diese Mühen lohnen, erfährt das begeisterte Publikum nun bei
der eigentlichen Miss-Wahl an diesem Abend. So werden im ersten Durchgang
beispielsweise die schönsten Kostüme prämiert. Wer einmal Bilder vom brasilianischen
Carnaval gesehen hat, weiss, wovon ich spreche: üppige, phantasievolle, sich im
Farbenrausch ständing überbietende Kleider lösen sich auf der Bühne ab und
explodieren letztlich in einem gewaltigen finalen Gewoge prächtigster Figuren.
Zeigt sich Miss Pará, ein wahrer Traum von einer kupferfarbenen Indianerin,
im phantasievollen modischen Schmuck ihres Stammes, rauscht Miss Santa
Catarina in einer Wolke aus Blüten einher, die jedem Brautkleid die Schau
stehlen würde. Ob riesige Feder-Kaskaden,
raffinierte Rüschen oder die Geschmeidigkeit des Körpers noch vorteilhafter
betonende Schnitte – ich möchte nicht unter den Juroren sitzen, die hier
abzustimmen haben.
Danach wird ein Preis an die Sympathischste unter allen 27 Mädchen
vergeben. Wonach soll man hier vorgehen? Wie kann man das beurteilen? Auf mich wirken sie nahezu
alle super nett und freundlich, herzlich und so anmutig, dass man an 27 Tagen
wahrlich ständing mit einer anderen ausgehen möchte.
Doch klar, machen auch wir uns den Spass, unsere persönlichen Favoritinnen
auszuspähen. Dass die exotische Miss aus Pará keine Chance hat, unter die
letzten fünf zu kommen, liegt leider auf der Hand. Sie entspricht in ihrer
entwaffnenden Exotik einfach nicht jenem Typ Covergirl, wie er auch hierzulande
von jedem Titelblatt und in allen Telenovelas lächelt. Auch wenn sie nicht aus
Retorten stammen, so zeigen sie doch durchgehend gleiche Attribute.
Keine üppig wallende Haarmähne, die nicht locker mindestens bis auf die
Schultern fiele, nach aktuellem Trend eine Seite hoch aufgeworfen. Strahle-Make-up,
glutvolle Augen (bis auf jene katzengrünen, bernsteingelben oder himmelblauen
Ausnahmen), sinnliche, aufgeworfene Lippen. Wie soll man hier entscheiden?
Mein Blick in die Jury hilft mir da auch nicht weiter. Ob
nun affektierter Mode-Designer, schriller Schmuck-Junkie oder tuntiger
Coiffeur, fetter Medien-Mogul oder glatzköpfger Journalist – sie werden ihre
eigenen Urteils-Kriterien haben. Unsere eigene Wahl fällt auf Miss
Distrito Federal, also die Vertreterin der Hauptstadt Brasilia, Miss
Paraíba oder die supergrosse, rötlich blonde, helläugige Miss
Rio Grande do Sul, aus dem Staat, aus dem das internationale Topmodell Giselle
Bündchen stammt. Wahrscheinlich gehen sie nach Vermarktbarkeit vor. Und nach
den Chancen, die eine Miss Brasil auf der internationalen Bühne hätte, wo sie
gegen den Rest der Welt anzutreten hat.
So ist zu diesem glorreichen Anlass nicht nur die Miss Brasil des Vorjahres
gekommen, sondern auch Miss Universo von 2009, eine
hinreissende Venezolanerin, deren spanische Worte mit viel Pathos ins
Portugiesische übersetzt werden. Von einer ebenso bildschönen Moderatorin,
nebenbei gesagt. Es fällt schwer, unter diesen weiblichen Wesen überhaupt eins
auszumachen, das nicht auf Anhieb eine Krone der Schönheit verdienen würde.
Letztlich präsentieren sich 15 bereits in die engere Wahl gekommene
Kandidatinnen nochmal im hautengen schwarzen Body, paradieren auf ihren hohen
Stilettos hier und dort hin, werden einzeln vorgestellt mit Namen, Beruf,
Körpermassen. Auffallend, das jede zweite Jura studiert, weniger auffallend,
dass sie allesamt zwischen 1,72 und 1,78 Grösse aufweisen und auch ganz
selbstverständlich, dass ihre schlanken, sportlich knackigen, samtbraunen Körper
jenen Traummassen entsprechen, die der Konfektion oder auch Schaufensterpuppen-Gestaltern
als Vorlage dienen.
Unter den letzen fünf sind unsere geheimen Favoritinen schon nicht mehr
dabei. Die Spannung steigt ins Unermessliche und im endgültigen Zweikampf treten
Miss
Amazonas und Miss Minas Gerais an. Letztere wird Miss
Brasil 2010. Tränen der Rührung, Umarmungen ohne Ende, veloursrote,
goldabgesetzte Königinnen-Robe und glitzernde Krone. Herrlich! Prächtig.
Umwerfend. Wer soll gegen dieses blendend schöne Geschöpf noch eine Chance
haben?
Und dabei waren sie alle, die an diesem berauschenden Abend hier antraten,
nur die Sahne, die Crème de la Crème. Denn
wer sich auf den Weg machen würde durch dieses riesige Land, in den herben
Sertão, in die grünen Urwälder, an die endlosen Küsten, wer sich in den
armseligen Fischerdörfern oder einfachsten Indianer-Malokas umsehen würde, der
stiesse mit Gewissheit noch auf viele, ebenso umwerfend schöne Mädchen, die es
sich nicht im Traum hätten einfallen lassen, an so einer Wahl überhaupt teilzunehmen.
Auch gar nicht die Möglichkeiten hätten, auf sich aufmerksam zu machen. Wunderschöne,
bezaubernde und natürliche Geschöpfe, von denen es hierzulande, wie gesagt, nur
so wimmelt.