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Peter Reinhold

bei seiner Lesung am 11.September 2009




mit neuen Nachrichten aus Brasilien



Er hat 80 Länder bereist und danach zehn Jahre in Brasilien gelebt, gelacht, geliebt, gelitten, gelernt. Deshalb ist sein Buch "Brasilien im Original"; auch kein Reiseführer, sondern Pflichtlektüre für Globetrotter und Auswanderer, die statt auf die üblichen Klischees reinzufallen, erfahren möchten, was sie wirklich auf diesem fremden Planeten erwartet. Mit packender Sprache liest Peter Reinhold aus seinem Buch. Als Leser wird man nach 440 Seiten zum Brasilien-Kenner. ISBN-978-3-8370-5234-3

Brasilien verstehen:   (per Mail 11.05.2010)

Die schönsten Frauen der Welt

 

Als wäre es nicht ohnehin schon paradiesisch, in Brasilien auf Schritt und Tritt den bezauberndsten Geschöpfen dieser Erde zu begegnen, müssen sie auch noch Miss-Wahlen abhalten. So beim TV-Sender Bandeirantes, letzten Samstag-Abend. Was heisst Abend? In einer heissen Nacht, in der einem nicht nur die Augen übergehen, sondern man(n) auch arg ins Schwitzen kommt. Allein beim Anblick jener Grazien, die selbst einen Paris um den Verstand gebracht hätten!

 

Denn angetreten zur Wahl Miss Brasil 2010 waren die Auserwählten eines jeden brasilianischen Bundesstaates, also 26 plus Distrito Federal. Junge Mädchen zwischen 18 und 24 Jahren, von denen jede einen Staat vertrat, der von seiner Grösse her in etwa einem europäischen Land entspricht. Bei knapp 200 Millionen Einwohnern und einer Schönheits-Kapazität, die weltweit an der Spitze der menschlichen Spezie rangiert, kommt dieses Unterfangen einer Prämierung der Quadratur des Kreises, also der Unmöglichkeit gleich. Wer entscheidet über die Krone der Schöpfung? Welche Kriterien legt man da zugrunde?

 

Miss-Wahlen unterliegen alle den gleichen Gesetzen: die Kandidatinnen müssen gross und schlank sein, perfekte Proportionen aufweisen, über eine prächtige Mähne, perlende Zähne, strahlende Augen verfügen. Geschenkt. In Brasilien alles selbstverständlich. Sie sollten sich grazienhaft und dabei sicher bewegen, ständig lächeln und 24 Stunden lang gut drauf sein. Ein bisschen Spass am Schauspielern haben, ausgelassen tanzen, verführerisch posieren können,… klar, dass auch diese Eigenschaften einer Brasilianerin bereits in die Wiege gelegt wurden.

 

Grundvoraussetzungen, wie gesagt. Doch nun kommt ein Faktor hinzu, der die Spreu vom Weizen trennt, der die wirklich Strahlenden, diese umwerfenden Lichtgestalten über alles hinweg hebt, was sich ansonsten unter stereotypen Schönheitsidealen – die zugegebenermassen auch hier vorhanden sind – präsentiert. Das ist der einzigartige Charme der Brasilianerin. Jene offene Herzlichkeit, überspringende Wärme, kindliche Freude an Glitzer und Glamour, an Music & Show, an persönlicher Präsentation, als wäre es das Natürlichste von der Welt. Eine wahrlich göttliche Mischung all jener Qualitäten, die zum Superlativ einer prächtigen jungen Frau führen. Man kann es mit Grazie beschreiben, mit Anmut, fern aller Absicht und Berechnung, obwohl doch alle ein einziges Ziel vor Augen haben: hier zu gewinnen.

 

Dass sie allesamt, ob nun Miss Sergipe oder Miss Amazonas, Miss Rio Grande do Sul, Miss Pernambuco oder Miss Paraíba, bereits gewonnen haben, macht die Sache etwas leichter, will heissen, lässt auch all jene nicht in tiefe Trauer versinken, die es diesmal nicht zu höchsten Weihen schaffen. Schliesslich kann nur eine die Krone des Landes erhalten. Aber das scheint ihrer grenzenlosen Freude als Teilnehmerinnen dieses Events keinerlei Abbruch zu tun.

 

Denn wir sehen sie allesamt lustig in der alten Strassenbahn von Teresina Richtung Zuckerhut zockeln, auf ihrem Weg zum berühmten Strand der Copacabana heftigste Verkehrsstockungen auslösen sowie in angesagten Bars bunte Cocktails schlürfen. Und vor allem schicke Tüten mit den Labeln berühmter Namen tragen. Ausserdem verwenden sie pausenlos Produkte, bei deren Anwendungen eine jede Brasilianerin zur Schönheitskönigin mutiert. Vergessen wir nicht, dass diese Miss-Wahlen von den Marken-Multis dieser Welt veranstaltet werden. Die ihre Millionen von eben diesen Kundinnen erhalten, die sie hier und heute ansprechen.

 

L´Oreal ist ebenso verteten wie Ponds, Gucci oder Hennesy. Allein die Präsente jener globalen Marken – und nicht nur der ausgelobte Hauptpreis eines Automobils - sind alle Anstrengungen wert. Denn dass so eine Miss-Wahl kein Maien-Spaziergang ist, zeigen die ständigen, mit ihrem banalen Inhalt entnervenden Interviews, die Geduld strapazierende, nicht enden wollende Coiffeur-Sitzungen, allgegenwärtige Schminkschulen, an Akrobatik erinnernde Lauf-Kurse, ätzend sich wiederholende Anproben und vieles mehr.

 

Dass sich diese Mühen lohnen, erfährt das begeisterte Publikum nun bei der eigentlichen Miss-Wahl an diesem Abend. So werden im ersten Durchgang beispielsweise die schönsten Kostüme prämiert. Wer einmal Bilder vom brasilianischen Carnaval gesehen hat, weiss, wovon ich spreche: üppige, phantasievolle, sich im Farbenrausch ständing überbietende Kleider lösen sich auf der Bühne ab und explodieren letztlich in einem gewaltigen finalen Gewoge prächtigster Figuren.

 

Zeigt sich Miss Pará, ein wahrer Traum von einer kupferfarbenen Indianerin, im phantasievollen modischen Schmuck ihres Stammes, rauscht Miss Santa Catarina in einer Wolke aus Blüten einher, die jedem Brautkleid die Schau stehlen würde. Ob riesige Feder-Kaskaden, raffinierte Rüschen oder die Geschmeidigkeit des Körpers noch vorteilhafter betonende Schnitte – ich möchte nicht unter den Juroren sitzen, die hier abzustimmen haben.

 

Danach wird ein Preis an die Sympathischste unter allen 27 Mädchen vergeben. Wonach soll man hier vorgehen? Wie kann man das beurteilen? Auf mich wirken sie nahezu alle super nett und freundlich, herzlich und so anmutig, dass man an 27 Tagen wahrlich ständing mit einer anderen ausgehen möchte.

 

Doch klar, machen auch wir uns den Spass, unsere persönlichen Favoritinnen auszuspähen. Dass die exotische Miss aus Pará keine Chance hat, unter die letzten fünf zu kommen, liegt leider auf der Hand. Sie entspricht in ihrer entwaffnenden Exotik einfach nicht jenem Typ Covergirl, wie er auch hierzulande von jedem Titelblatt und in allen Telenovelas lächelt. Auch wenn sie nicht aus Retorten stammen, so zeigen sie doch durchgehend gleiche Attribute.

 

Keine üppig wallende Haarmähne, die nicht locker mindestens bis auf die Schultern fiele, nach aktuellem Trend eine Seite hoch aufgeworfen. Strahle-Make-up, glutvolle Augen (bis auf jene katzengrünen, bernsteingelben oder himmelblauen Ausnahmen), sinnliche, aufgeworfene Lippen. Wie soll man hier entscheiden?

 

Mein Blick in die Jury hilft mir da auch nicht weiter. Ob nun affektierter Mode-Designer, schriller Schmuck-Junkie oder tuntiger Coiffeur, fetter Medien-Mogul oder glatzköpfger Journalist – sie werden ihre eigenen Urteils-Kriterien haben. Unsere eigene Wahl fällt auf Miss Distrito Federal, also die Vertreterin der Hauptstadt Brasilia, Miss Paraíba oder die supergrosse, rötlich blonde, helläugige Miss Rio Grande do Sul, aus dem Staat, aus dem das internationale Topmodell Giselle Bündchen stammt. Wahrscheinlich gehen sie nach Vermarktbarkeit vor. Und nach den Chancen, die eine Miss Brasil auf der internationalen Bühne hätte, wo sie gegen den Rest der Welt anzutreten hat.

 

So ist zu diesem glorreichen Anlass nicht nur die Miss Brasil des Vorjahres gekommen, sondern auch Miss Universo von 2009, eine hinreissende Venezolanerin, deren spanische Worte mit viel Pathos ins Portugiesische übersetzt werden. Von einer ebenso bildschönen Moderatorin, nebenbei gesagt. Es fällt schwer, unter diesen weiblichen Wesen überhaupt eins auszumachen, das nicht auf Anhieb eine Krone der Schönheit verdienen würde.

 

Letztlich präsentieren sich 15 bereits in die engere Wahl gekommene Kandidatinnen nochmal im hautengen schwarzen Body, paradieren auf ihren hohen Stilettos hier und dort hin, werden einzeln vorgestellt mit Namen, Beruf, Körpermassen. Auffallend, das jede zweite Jura studiert, weniger auffallend, dass sie allesamt zwischen 1,72 und 1,78 Grösse aufweisen und auch ganz selbstverständlich, dass ihre schlanken, sportlich knackigen, samtbraunen Körper jenen Traummassen entsprechen, die der Konfektion oder auch Schaufensterpuppen-Gestaltern als Vorlage dienen.

 

Unter den letzen fünf sind unsere geheimen Favoritinen schon nicht mehr dabei. Die Spannung steigt ins Unermessliche und im endgültigen Zweikampf treten Miss Amazonas und Miss Minas Gerais an. Letztere wird Miss Brasil 2010. Tränen der Rührung, Umarmungen ohne Ende, veloursrote, goldabgesetzte Königinnen-Robe und glitzernde Krone. Herrlich! Prächtig. Umwerfend. Wer soll gegen dieses blendend schöne Geschöpf noch eine Chance haben?

 

Und dabei waren sie alle, die an diesem berauschenden Abend hier antraten, nur die Sahne, die Crème de la Crème. Denn wer sich auf den Weg machen würde durch dieses riesige Land, in den herben Sertão, in die grünen Urwälder, an die endlosen Küsten, wer sich in den armseligen Fischerdörfern oder einfachsten Indianer-Malokas umsehen würde, der stiesse mit Gewissheit noch auf viele, ebenso umwerfend schöne Mädchen, die es sich nicht im Traum hätten einfallen lassen, an so einer Wahl überhaupt teilzunehmen. Auch gar nicht die Möglichkeiten hätten, auf sich aufmerksam zu machen. Wunderschöne, bezaubernde und natürliche Geschöpfe, von denen es hierzulande, wie gesagt, nur so wimmelt.

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