Brasilien verstehen: (per Mail 05.03.2010)
Emoção – der menschliche Faktor
Es fällt einem Deutschen nicht leicht, sich mit seinem angelernten Rechtsverständnis in Brasilien zurecht zu finden. Immer wieder stösst er an Ecken, die ihn automatisch – ob er nun will oder nicht – nach Recht und Ordnung rufen lassen. Schliesslich war er es jahrzehntelang gewöhnt, dass immer jemand zuständig ist.
In Brasilien ist das (wie in allen Latinoländern) ganz anders. Natürlich gibt es auch in diesem Land Gesetze. Doch diese hält selten jemand ein. Zum anderen schützen sie nicht wirklich, wie tagtäglich zahllose Fälle beweisen. Denn sie wurden in aller Regel von den Machthabern für die Mächtigen gemacht. Jene, die produzieren, anbieten, verkaufen und irgendwelche Interessen vertreten.
Bestes Beispiel bietet ProCom, der Verbraucherschutz, der als Motto über seinem Eingang stehen hat: “Wir garantieren die Rechte des Konsumenten”. Schaut man sich jene allerdings näher an, sind diese sehr schwach ausgelegt. Will er wirklich zu seinem Recht kommen, muss er viele umständliche und lange Wege beschreiten, endlos Wochen, ja Monate warten, muss unzählige Beweise anschleppen, und viele Angebote herbeizaubern, will er zum Beispiel ein Gerät ersetzt bekommen, das ihm durch Fehler des Energieanbieters beschädigt wurde. Eine enorme oscillação (Stromschwankungen) ist leider weit verbreitet.
Doch spricht man mit den Angestellten, den Vertretern des Unternehmens, beschwert man sich bei den entsprechenden Beamten, bekommt man in aller Regel vollste Unterstützung. Schnell fallen sie in die Klagen des Bürgers mit ein, “Ja, ja, schlimm sei das, nichts funktioniert, gestern wieder der Absturz und Totalausfall des Computers. Die Telefonverbindung klappt ebenfalls nicht. Und man solle sich ruhig beschweren, dies sei ja schliessich das gute Recht eines jeden! Irgendwann müsse doch was passieren, sollte sich alles zum Guten wenden. Man gibt die Hoffnung niemals auf. Und schliesslich wird DER da oben schon helfen….”
Ich hefte solche Reaktionen meistens unter Lahmarschigkeit, Lethargie ab, doch wahrscheinlich ist dies das beste Rezept, sich vor einem Herzinfarkt zu schützen und grössere seelische Probleme zu vermeiden.
Gestern stand ich an der Kasse des Supermarktes. In meinem Einkaufswagen befand sich unter anderen Einkäufen ein Bündel Rucola-Salat. Während andere Salatsorten um die 1,20 bis 1,90 R$ kosten, tippte die Kassiererin für diesen Rucola 3,45 R$ ein. “Eh, muito salgado este preço” meinte ich (ganz schön gesalzener Preis). “Ja, das ist wirklich sehr teuer! Ach, lassen sie ihn doch hier, ich werde ihn sogleich wieder annulieren”, meinte sie freundlich. Das war umständlich, da erst die Kollegin kommen und etliche Zahlenkombinationen eingeben musste, bis der Preis schliesslich herausgenommen war. Die weiteren Kunden in der Schlange vor der Kasse warteten geduldig ohne Murren.
Nun könnte jemand einwenden, warum legst du ihn auch in den Einkaufswagen, wenn er dir zu teuer ist? Weil, muss ich entgegnen, keine Preisauszeichnung vorhanden war. Wie übrigens bei der Hälfte aller Produkte, die in diesem grossen Supermarkt angeboten werden. Auch das wissen die Angestellten und zucken nur hilfos, aber dabei lächelnd die Schultern.
Die Leute fühlen hier alle ziemlich gleich (allem ausgeliefert, möchte man hinzufügen). Egal ob armselig oder höheren Standes. Ein jeder scheint Verständnis für die Sorgen des anderen zu haben. Und verhält sich, nebenbei gesagt, auch stets respektvoll und höflich. Man versetzt sich automatisch in die Lage seines Gegenübers und versucht zu helfen.
Im Schuhladen ist es nicht anders als in der Boutique. “Ach, nein, das passt Ihnen vielleicht doch nicht so gut…” “Und wo meinen Sie, könnte ich dies und das finden?” “Gehen Sie doch um die Ecke zu XY, da habe ich neulich eine schicke Bluse gekauft, die haben eine wirklich tolle Auswahl und ziemlich günstige Preise”, meint die Verkäufern, die ihre Kundin nicht so bedienen kann, wie die es sich wünscht. Dass sie selber mal wieder nichts verkauft, ist ihr völlig gleichgültig.
Dieses Mitgefühl hat natürlich auch andere Auswirkungen. Beim Prozess gegen eine ehemalige Hausangestellte, die Schecks gefälscht und Geld entwendet hatte, war mein Schwiegervater vor Gericht durchaus im Recht. Doch der Richter hatte Mitleid mit der zu Verurteilenden und meinte zum Kläger, das könne er doch sicherlich verschmerzen. Die Angeklagte kam mit einem blauen Auge davon und der Schwiegervater vergass die Angelegenheit.
In Deutschland klopft man auf sein gutes und verbrieftes Recht. Gut so, das habe ich auch stets getan, bin von einem wahren Gerechtigkeitswahn befallen und kann Ungerechtigkeiten, Mauscheleien und Betrug auf den Tod nicht ausstehen. Diese ehrliche Grundeinstellung macht mir hier manchmal das Leben schwer. Heute noch, nach so vielen Jahren der Erfahrungen in Brasilien. Dann muss ich mich echt zusammenreissen. Andererseits findet man immer gefühlvollen Schutz in der Familie.
Gestern sah ich in einem deutschen TV-Programm, das ich hier empfangen konnte, die Leidensgeschichte von drei Männern unter dem Titel “Mir ging es auch mal gut.” Das waren drei schlimme Schicksalsschläge von Männern, die exzellent studiert, Karriere gemacht und mal einen gehobenen Lebensstil genossen haben. Aber wie es so kommt, waren sie alle irgendwann abgesackt und schlugen sich nun irgendwie durch, schliefen im Park, standen um Suppe an oder griffen zur Flasche.
Allen gemeinsam war, dass sie jeglichen Kontakt zu Familienangehörigen aufgegeben hatten. Den einen zerfrass die Sehnsucht nach seinen beiden Töchtern, doch er war zu stolz, sich ihnen angesichts seiner Misere zu nähern. Genauso erging es einem einst extrem erfolgreichen Computerspezialisten mit höchsten akademischen Weihen, die er sich in den USA erworben hatte. Auf dem Höhepunkt seiner Karriere knallte er durch und stürzte ab, schmiss sein Laptop in die Mülltonne und schuf sich eine Erdhöhle in einem Berliner Park , wo er seit zwei Jahren (auch im bitterkalten Winter!) nächtigte. Aber seine Schwester aufzusuchen, die ein paar Strassen weiter wohnte, traute er sich nicht.
Der Dritte, ein studierter Theologe, der früher einmal in einem Internat liebevoll und erfolgreich blinde Schüler unterrichtete, war einer Frau wegen in die Grossstadt gezogen. Doch als diese Verbindung bald schon in die Brüche ging, verliess auch ihn der Mut,. Er traute sich nichts mehr zu, lehnte aber auch Hartz IV ab und beschäftigt sich seitdem 24 Stunden lang mit der Suche nach Nahrung und Schlafmöglickeiten. Allen war gemeinsam, dass sie weder Frau noch Familie mehr hatten und sich verdammt einsam fühlten.
In Brasilien funktioniert so gut wie überhaupt nichts. Kaum Anspruch auf Gerechtigkeit, die Polizei korrupt, die Qualität ist das Papier nicht wert, auf der sie ausgewiesen wird, Garantien werden nicht eingehalten, Verlass auf nichts und niemanden. Doch, mit einer Ausnahme: das ist die Familie. Da weiss man aus eigener, oft bitterer Erfahrung, dass man weder dem Staat noch seinen Organen trauen kann. Stundenlange TV-Berichte geben täglich Auskunft über die Missetaten von Senatoren und Ministern: geschmuggelte Devisen in der Unterhose, Bestechungsgelder in den Socken, gemauschelte Transaktionen ohne Ende. Diesen Vorbildern kann man nun entweder nicht trauen - oder ihnen nacheifern. Beides geschieht gleichermassen.
Worauf will ich hinaus? Da wo der Staat nicht funktioniert, muss Ausgleich auf anderem Gebiet geschaffen werden. In Brasilien gibt es weder Hartz IV noch ABM, noch kann man sich auf die faule Haut legen und die grosse Lippe riskieren. Das führt automatisch und ziemlich schnell in die Favela. Also erfreut man sich fester Familienbande. Auch hier ein Beispiel aus meinen angeheirateten Familie:
Onkel Hélio verlor seinen gut dotierten Job bei der angesehen Bank Bradesco kurz vor seiner Pensionierung. Seitdem erhält er eine Rente von knapp 300 Euros. Er hatte aber eine Familie mit vier schulpflichtigen Kindern zu ernähren, ein Haus abzuzahlen usw. Alle standen zu ihm, flösten ihm Respekt und Vertrauen ein und halfen ihm, sich in einen anderen Job zurechtzufinden. So schaffte er sich einen geräumigen Wagen an und chauffiert seit ich ihn kenne (und das sind nun bereits 14 Jahre) Personen in der Gegend rum, wurde Taxista für Sonderfahrten.
Onkel Hélio ist ein äusserst fröhlicher Mensch, den ich nur lachend erlebe, sobald ich ihm begegne. Die Kinder haben es alle zu was gebracht und sogar seine kleine Frau Nora versteht es, mit allerlei mystischem und obskurem Hokuspokus verblendeten Frauen das Geld aus der Tasche zu ziehen.
Und wenn ich heute die allgemeine Lage in Deutschland, ja in ganz Europa betrachte, liege ich wahrscheinlich gar nicht so falsch mit meiner Entscheidung, nach Brasilien zurückgekehrt zu sein. Auch wenn ich auf etliche, mir wichtige Dinge und liebgewonnene Gewohnheiten verzichten muss. Man zahlt halt seinen Preis. Hier wie da.